
Villa
-Ein Haus und seine besonderen Bewohner-
„De junge Leut von de Kommune.“
Mitten in Melbach, in der Erbsengasse 2, steht die sogenannte „Keil’sche Villa“. Das stattliche Wohnhaus wurde 1896 im klassizistischen Stil errichtet und erhielt seinen Namen nach der Familie Keil. Damals zählte die Adresse noch zur Großen Gasse.
Christoph Keil wurde am 17. Dezember 1805 in Melbach geboren und war Landwirt, Bürgermeister und Politiker. Fast drei Jahrzehnte, von 1843 bis zu seinem Tod 1872, stand er als Bürgermeister an der Spitze der Gemeinde. Zugleich vertrat er von 1847 bis 1849 sowie nochmals 1871/72 die Wetterauer Bevölkerung in der Zweiten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen.
Im Revolutionsjahr 1848 gehörte Keil dem Vorparlament an. Im März desselben Jahres brachte er eine von 700 Einwohnern mehrerer Wetterauer Orte unterzeichnete Eingabe mit 19 liberalen politischen und wirtschaftlichen Forderungen ein. Auch vor Ort bezog Keil deutlich Stellung: Zwischen 1867 und 1871 kämpfte er gegen die geplante Braunkohlegrube bei Melbach. Die Eröffnung der Grube „Ludwigshoffnung“ konnte er jedoch nicht verhindern. Keil starb am 10. November 1872 in seinem Heimatort.
Sein Enkel Wilhelm Keil jun. erbaute die Villa 1896. Sie wirkt noch heute wie eine Besonderheit im Ortsbild Melbachs. Ihre klassizistische Architektur hebt sich deutlich ab von den umliegenden Höfen und Wohnhäusern. Sie war auch ein Ausdruck der sozialen Stellung der Familie und betonte ihre Weltläufigkeit und ihren Kunstsinn.
Nach dem Tod der älteren Generation der Keils blieb die Villa zunächst unbewohnt. Ende des 2. Weltkrieges wurden geflüchtete Familien in der Villa untergebracht, bis 1960 Rudolf Keil mit seiner Familie einzog.
„Über die Reformen, welche im deutschen Vaterlande überhaupt und ganz besonders im Großherzogthume Hessen zum Wohle seiner Bewohner theils schon hervorgetreten sind, theils auch versprochenermaßen noch hervortreten werden, sind wir … freudig bewegt.“
Petition der Ortsbürger von Bellersheim, eingebracht vom Melbacher Landtagsabgeordneten Keil, 20. März 1848.

Wilhelm und Minna Keil, die Erbauer der Villa, ca. 1890.
Thomas Gerlach: Die Kommune
Als Thomas Gerlach 1973 mit seinen Musikerkollegen in die Villa einzog, schauten viele Melbacher nicht schlecht. Manch einer malte sich aus, was hinter den Mauern des alten Hauses vorging. Man munkelte von einer Kommune, wie man es aus dem Fernsehen kannte. Einige fragten sogar, wo "das Matratzenlager" sei und glaubten, die jungen Menschen teilten auch die Schlafzimmer. Doch da war nichts dran.
Eine besondere Episode begann 1972: Die Eigentümerfamilie vermietete das gesamte Haus an die erste Melbacher Wohngemeinschaft. Studenten lebten hier zusammen und machten unter dem Bandnamen „Parabol“ Deutschrock-Musik. Das sorgte bei den übrigen Bewohnern Melbachs zunächst für skeptische Blicke. Das Lebens- und Wohnmodell war damals neu und auf dem Land noch völlig unbekannt.
Doch bald wurde klar: Auch die Musiker und ihre Familien waren ein Teil von Melbach. Später lebte hier der Journalist und Schriftsteller Henning Ritter mit seiner Familie. Ritter arbeitete viele Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und leitete dort das Ressort „Geisteswissenschaften“. Er wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet und erhielt 2005 den Ludwig-Börne-Preis. 2012 zog die Familie nach Berlin und verkaufte die Villa.

Die Mitglieder der Band Parabol - ganz rechts Thomas Gerlach.
Jubiläum 1200 Jahre

Beim Ortsrundgang im April 2017 machte die Gruppe um Volker Zorn auch vor der Villa Halt.

Am Tag der offenen Höfe am 19. August 2018 war nebenan auf der ehemaligen Hofreite der Villa von Volker Zorn allerhand los.

